Schulgeschichte

Aus der Amtszeit von
Paul Grabenstein

Schulleiter am
Otto-Hahn-Gymnasium Ludwigsburg
von 1970 bis 1996

Vorwort

Oberstudiendirektor Paul Grabenstein gründete das Otto-Hahn-Gymnasium Ludwigsburg im Jahre 1970 und leitete die Schule ein Vierteljahrhundert lang, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1996. Seine Persönlichkeit und sein Wirken haben das Otto-Hahn-Gymnasium maßgeblich geprägt – bis heute.
Freundlicherweise hat sich Herr Grabenstein bereit erklärt, dem Neigungskurs Geschichte des Abiturjahrgangs 2012/13 einen Besuch abzustatten und unsere Fragen zur Geschichte der Schule zu beantworten. Dieses Gespräch ist die Grundlage für den vorliegenden Text.
Wir möchten uns bei Herrn Grabenstein für seinen Besuch bei uns herzlich bedanken. Viele seiner persönlichen Erinnerungen konnten so für die Nachwelt festgehalten werden und können somit auch künftigen Schülergenerationen einen Einblick in das Werden und Leben unserer Schule geben.

Sebastian Mauthe,
Möglingen am 10. November 2012

I. Gründung und Aufbau der Schule

Im Jahr 1970 begann die Geschichte des Otto-Hahn-Gymnasiums Ludwigsburg. In den Räumen einer ehemaligen Kaserne, in der Königsallee 57, arbeiteten zunächst zwei Pädagogen am Aufbau eines vierten Gymnasiums in der Stadt Ludwigsburg. Dies war zum einen Bernd Brockhaus, welcher die Fächer Englisch und Latein unterrichtete, zum anderen der Leiter der jungen Schule, Paul Grabenstein, Lehrer für Mathematik und Physik. Aushilfslehrer von anderen Gymnasien, v.a. vom Friedrich-Schiller-Gymnasium, deckten die anderen Fächer ab. Da das Gymnasium zunächst nur aus fünften Klassen bestand und erst nach und nach zu einem „richtigen” allgemeinbildenden Gymnasium heranwuchs, galt es viele Jahre nur als „Progymnasium”. Nach neun Jahren aber war dann jede Klassenstufe vertreten und die ersten Schüler legten 1979 ihr Abitur an der Schule ab.
Diese erste Aufbauphase sah Paul Grabenstein damals als große persönliche Herausforderung an – die Leitung einer Schule mit eingespieltem, intakten Betrieb wäre naturgemäß deutlich leichter zu bewältigen als der Aufbau eines ganz neuen Gymnasiums.
Schon zu Beginn der Einrichtung des „Vierten Gymnasiums“ gab es Absprachen mit den drei Innenstadtgymnasien über das zukünftige Profil der Schule. So wurde unser heute renommierter Sportzug schon wenige Jahre nach der Gründung des Gymnasiums eingerichtet.
Nach Gründung des Otto-Hahn-Gymnasiums kam es zu einem regelrechten Ansturm der Ludwigsburger Schüler auf die neue Schule. So wurden die Kasernenräume in der Königsallee nun bald tatsächlich zu klein, so dass ein Umzug in ein neues Gebäude zunehmend unausweichlich wurde. Zunächst sahen die Planungen der Stadt die Oststadt als Standort vor. Dort aber gab es keine geeigneten ehemaligen Kasernenflächen, die man gerne für einen Neubau verwendet hätte. So wurde schließlich das Gelände der ehemaligen Königin-Olga-Kaserne in der Kaiserstraße zum neuen Standort bestimmt. Ende der 1970er bis zum Beginn der 1980er Jahre entstand dort das heutige Hauptgebäude.
Gab es nach Fertigstellung des Gebäudes auch den einen oder anderen Wermutstropfen – so erwiesen sich z.B. die damals moderne Klimaanlage langfristig als störungsanfällig und die fensterlosen Innenräume als bei Lehrern und Schülern gleichermaßen unbeliebt – so stellte das Gebäude doch auch einen Aufbruch in eine neue Zeit dar: der großzügige Pausenhof oder das (mittlerweile wieder deinstallierte) Sprachlabor galten in den 1970er Jahren als eine kleine Sensation.

II. Vom „Vierten Gymnasium“ zum „Otto-Hahn-Gymnasium“

Über Jahre hinweg hatte das „Vierte Gymnasium“ keinen eigenen Namen. Zu Beginn noch „Progymnasium“, firmierte es später als „Gymnasium im Aufbau“. Nach Errichtung des neuen Schulkomplexes in der Weststadt (gemeinsam mit der heutigen Gottlieb-Daimler-Realschule und der Osterholz-Grundschule) erhielt das ganze Gelände den Namen „Bildungszentrum West“. Die Auswahl eines „eigenen Namens” fiel den Verantwortlichen offenbar nicht ganz leicht. Einig war man sich allerdings darüber, dass der Name sich deutlich von den Namensgebern der drei Innenstadtgymnasien (Goethe, Schiller, Mörike) abheben sollte – schon damals hob sich das Otto-Hahn-Gymnasium von den drei Innenstadtschulen ab und war „anders als die anderen”.
So kam man laut Paul Grabenstein überein, die folgenden Kriterien anzulegen: Der Namenspatron sollte erstens ein Naturwissenschaftler, zweitens idealerweise ein Nobelpreisträger und drittens kein Duckmäuser, sondern ein politisch-gesellschaftlich engagierter Wissenschaftler sein. Beinahe wäre das Vierte Gymnasium nach Albert Einstein benannt worden – Namensgeber wurde dann aber doch Otto Hahn (1879 – 1968), dem 1938 die erste Spaltung eines Urankerns gelungen war und dem dafür der Chemienobelpreis verliehen worden war. Hahn hatte sich im Zuge der Wiederbewaffnungsdebatte ausdrücklich für eine kernwaffenfreie Bundesrepublik ausgesprochen und 1957 die „Göttinger Erklärung” mitverfasst, in dem achtzehn führende westdeutsche Nuklearwissenschaftler ihren Unmut gegen die kriegerische Nutzung der Kernenergie bekundeten.
Es mag angesichts der heutigen Popularität unseres Sportprofils überraschen, dass nicht der Name eines Sportlers Pate stand bei der Gründung unseres Gymnasiums. Doch im historischen Kontext gesehen wird deutlich, dass die neugegründete Schule nicht primär als Sportgymnasium errichtet wurde, sondern v.a. als regionales Gymnasium für die Ludwigsburger Weststadt und den Stadtteil Eglosheim.
Heutzutage entscheiden sich die meisten Schüler freilich nicht der Lage wegen für die Anmeldung am Otto-Hahn-Gymnasium, sondern wegen des in der Region einzigartigen Sportprofils – sowie wegen des unter Grabensteins Nachfolger im Amt des Schulleiters, Wolfgang Stütz, eingerichteten bilingualen Zuges, bei dem Sachfächer wie Geschichte oder Biologie auf Englisch unterrichtet werden.

IV. Höhepunkte und Tiefschläge

Unter Paul Grabenstein haben 17 Jahrgänge das Abitur abgelegt. Diese lange Zeit war freilich nicht immer eine sorgenlose. Dies trat vor allem zur Zeit des Ersten Irakkriegs (1990/91) zu Tage, als viele der OHG-Schüler sehr betroffen waren über die Nachrichten aus dem Nahen Osten. In zahlreichen Gesprächskreisen wurden die Geschehnisse damals diskutiert und verarbeitet. Auch die Bekämpfung des nach der Wiedervereinigung Deutschlands aufflammenden Rechtsextremismus’ war Paul Grabenstein ein großes Anliegen. Mit einer großen Ballonaktion setzte das Otto-Hahn-Gymnasiums damals ein Zeichen gegen rechtsextremistische Gewalt.
Um die Beteiligung seiner Schüler an der Gestaltung des Schullebens zu fördern, begründete Paul Grabenstein die bis heute an unserer Schule gepflegte Tradition der mehrtägigen SMV-Fahrt ins Leben. Die Idee dazu sei ihm „beim Joggen” gekommen, verriet er uns.
Der langjährige Schulleiter erzählte uns von besonders schönen Momenten seiner Karriere, wie er sich beispielsweise gefreut hatte über den ersten türkischstämmigen Abiturienten, der nach dem Abitur sofort eine Banklehre beginnen durfte. Aber er sprach auch von den vier Schülern, die während seiner Amtszeit starben. Es gehört zweifelsohne zu den schwersten Aufgaben eines Schulleiters, in solchen Fällen Trost zu spenden und die richtigen Worte zu finden. In unserem Gespräch merkte man Herrn Grabenstein an, dass ihm diese Momente unvergessen geblieben sind.