Studium, Stipendium, Studienstiftung – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Das Ende der Schulzeit ist eine bedeutende Zäsur. Nach zwölf Jahren in der Schule steht die Abiturnote zwar fest – die nächsten Jahre sind hingegen voller unbekannter Möglichkeiten. Als ehemalige Schülerin des Otto-Hahn-Gymnasiums erinnere ich mich noch gut an die letzten gemeinsamen Tage in der Schule im Sommer 2017. Seitdem habe ich einen Freiwilligendienst in Frankreich absolviert, mein Jurastudium in Berlin begonnen und wurde Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Die finanzielle und ideelle Förderung als Stipendiatin ist für mich eine ganz besondere und wichtige Erfahrung. Bereits in der Schulzeit hatte ich von der Möglichkeit eines Stipendiums für das Studium erfahren, doch ich hatte viele Fragen und Zweifel: Wer bietet eine solche Studienförderung an? Wie funktioniert die Bewerbung? Habe ich überhaupt eine Chance, gefördert zu werden?
Im Folgenden möchte ich ein wenig über meine persönlichen Erfahrungen und meinen Weg in die Studienstiftung berichten.
Nach dem Abitur arbeitete ich für ein Jahr als Freiwillige in einer sozialen Einrichtung in Frankreich. Während in meinem Kopf verschiedene Studienideen tanzten, war mir eines bereits klar: ich bewerbe mich für ein Stipendium. In der 12. Klasse hatte Frau Hecker eine Informationsveranstaltung über Stipendien während des Studiums veranstaltet. Es war sehr hilfreich, schon zu diesem Zeitpunkt von den verschieden Fördermöglichkeiten im Studium zu hören. Ich erfuhr, dass es Stiftungen gibt, die besonders motivierte Studierende finanziell unterstützen und studienbegleitende Seminare und Ferienakademien anbieten – für mich klang das toll! Die Stiftungen unterscheiden sich in ihrer politischen und religiösen Ausrichtung. Sehr bekannt sind zum Beispiel die Studienstiftung des deutschen Volkes, parteinahe Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung, das katholische Cusanuswerk und das Evangelische Studienwerk Villigst. Alle Förderwerke haben gemeinsam, dass sie eine Studienkostenpauschale in Höhe von 300 € im Monat bezahlen; darüber hinaus gibt es eine bedarfsabhängige Förderung, die sich nach dem Einkommen der Eltern berechnet. Das ideelle Programm kann hingegen sehr verschieden sein und orientiert sich am Leitbild der jeweiligen Stiftung sowie den Interessen der Stipendiat*innen.
Da sich der Bewerbungsprozess bei allen Förderwerken über mehrere Monate erstreckt, begann ich bereits während meinem FSJ zwei Bewerbungen – bei einer politischen und einer religiösen Stiftung – einzureichen. Mehr als einmal fuhr ich nach Ludwigsburg, um Unterlagen zusammenzusuchen, schrieb Texte und reiste für Bewerbungsgespräche nach Heidelberg, Dresden und Berlin. Das Ergebnis war jedoch enttäuschend; nach vielen Monaten der Vorbereitung und des Wartens erhielt ich zwei Absagen.
Noch bevor mein Studium überhaupt begonnen hatte, erklärten mir zwei Förderwerke, dass sie mein Studium nicht mit einem Stipendium unterstützen möchten. Warum hatten die Stiftungen mich abgelehnt? Engagierte ich mich nicht genügend ehrenamtlich? Hatte ich bei den Bewerbungsgesprächen einen schlechten Eindruck gemacht?
Im Oktober 2018 begann nun endlich mein Studium und alle Gedanken an Stiftungen wurden erst einmal durch die zahlreichen neuen Erfahrungen verdrängt. Einen letzten Trumpf hielt ich noch in der Hand: meinen Schulvorschlag bei der Studienstiftung. Aus jedem Abiturjahrgang kann jedes Gymnasium eine geringe Anzahl an Schüler*innen bei der Studienstiftung vorschlagen. Ich bin sehr dankbar, dass das OHG in diesem Bereich sehr engagiert ist und Herr Hilbert als Schuldirektor diese Vorschlagsmöglichkeit in jedem Jahr für mehrere Schüler*innen nutzt. Die „Vorgeschlagenen“ haben nach dem Abitur drei Jahre Zeit, ihre Unterlagen einzureichen und bei einem Auswahlseminar teilzunehmen. Der Schulvorschlag ist eine übliche, jedoch nicht die einzige Bewerbungsmöglichkeit; zahlreiche Studierende werden auch von Hochschullehrer*innen und Prüfungsämtern vorgeschlagen oder absolvieren einen Bewerbungstest, um anschließend an einem Auswahlseminar teilzunehmen.
Mein Auswahlseminar fand im März 2019 in einer Jugendherberge in Magdeburg statt. Meine Nervosität war groß – war dies meine letzte Chance, ein begehrtes Stipendium zu erhalten?
Die Seminarteilnehmenden wurden in kleine Gruppen eingeteilt. In dieser hielt jede*r einen kurzen Vortrag über ein selbst gewähltes Thema – anschließend folgte jeweils eine Gruppendiskussion. Darüber hinaus führten wir alle zwei Gespräche mit jeweils einem Mitglied der Auswahlkommission. Als ich nach zwei langen Tagen nach Hause fuhr, konnte ich meine Chancen nur schwer einschätzen – jetzt hieß es warten auf den Brief.
Tatsächlich erhielt ich zwei Wochen später eine Zusage.
Seitdem habe ich viele schöne Erfahrungen mit der Studienstiftung gemacht. Regelmäßig habe ich Veranstaltungen und Treffen besucht und so Studierende aus ganz verschiedenen Fachbereichen kennengelernt. Als Mitglied des Botschafter*innenprogramms organisiere ich Informationsveranstaltungen für Schüler*innen zum Thema Studienförderung. Ganz besonders in Erinnerung bleibt mir eine zweiwöchige Sommerakademie in Süd Tirol. Gemeinsam mit etwa hundert anderen Stipendiat*innen verbrachte ich zwei großartige Wochen mit einem anspruchsvollen Kursprogramm, langen Wanderungen, Sport, Musik und interessanten Vorträgen und Gesprächen. Die Studienstiftung ist auch bekannt für mehrwöchige Sprachreisen nach Rom, Amman oder Taipei, die Stipentiat*innen intensive Sprachkurse und spannende kulturelle Erfahrungen ermöglichen.
Gerade aufgrund dieser unvergesslichen Eindrücke, kann ich nur sagen, dass sich – trotz aller Arbeit und Aufregung – eine Bewerbung auf jeden Fall lohnt. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, sich gut zu überlegen, mit welcher Motivation und bei welchem Förderwerk Du Dich bewirbst. Es geht nicht darum, einen perfekten Lebenslauf und die besten Noten vorzuweisen, vielmehr solltest Du dich trauen, Dich selbst zu zeigen mit Deiner Motivation, Deinen Interessen, Ideen und Zweifeln. Sehr hilfreich ist es auch, wenn möglich, Kontakte zu Studierenden suchen, die bereits Erfahrungen mit Auswahlverfahren gesammelt haben oder selbst Stipendiat*innen sind. Mir persönlich hat es geholfen, dass ich zum Zeitpunkt meiner Bewerbung für die Studienstiftung mein Jurastudium bereits begonnen hatte. So konnte ich ganz konkret erzählen, was mich an dem Studium begeistert und in welche Richtung ich gehen möchte. Sollte es nicht klappen, ist es wichtig, sich auf keinen Fall entmutigen zu lassen. Nehmt es nicht persönlich, sondern probiert es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal. Bei vielen Förderwerken ist es üblich, dass man sich – mit Erfolg – auch mehrmals bewerben kann. Am Ende gehört auch ein Quäntchen Glück dazu – denn in einem Bewerbungsprozess entscheiden immer auch Momentaufnahmen.
Ich wünsche Euch viel Freude am Studium, Mut bei der Stipendiumsbewerbung und das letzte Bisschen Glück!
Schirin Hafezi Rachti

Zum Bild:
Beim Praktikum im Bundestag, Sommer 2020